Garbsen/Stade – Nach Bluttat von Stade – Welche Rolle spielte der Sorgerechtsstreit – und warum führt die Spur nach Garbsen?
Die Ermittlungen nach der tödlichen Gewalttat in Stade laufen weiterhin auf Hochtouren. Ein 45-jähriger Mann aus Garbsen soll am Montag, 29. Juni, in einer Jugendhilfeeinrichtung sechs Menschen erschossen haben. Wie die Region Hannover inzwischen bestätigte, arbeiteten drei der Getöteten für das Jugendamt der Region Hannover in Garbsen.
Während die strafrechtlichen Ermittlungen andauern, werden nach und nach weitere Hintergründe des Falls bekannt. Dabei steht insbesondere ein Sorgerechtsstreit um die wenige Monate alte Tochter des Tatverdächtigen im Mittelpunkt.
Drei Mitarbeitende aus Garbsen unter den Opfern
Nach Angaben der Region Hannover waren drei der sechs Todesopfer Mitarbeitende der Jugendhilfestation Garbsen. Sie begleiteten den Fall des Kindes im Rahmen ihrer dienstlichen Aufgaben.
Am Tag der Tat sollte nach Angaben der Region Hannover in der Jugendhilfeeinrichtung in Stade ein sogenanntes Hilfeplangespräch stattfinden. Zu diesem Termin erschienen die Eltern des Kindes. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden soll der Vater anschließend das Feuer eröffnet haben.
Die Mutter befindet sich nach Behördenangaben derzeit in polizeilicher Obhut. Die Frau, die den Fluchtwagen gefahren haben soll und von der Polizei als Angehörige des erweiterten familiären Umfelds bezeichnet wird, wurde zunächst vorläufig festgenommen.
Streit begann nach Krankenhausaufenthalt des Säuglings
Nach übereinstimmenden Recherchen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) und der BILD-Zeitung begann der Konflikt bereits im April dieses Jahres.
Die damals erst wenige Tage alte Tochter des Paares wurde wegen Erbrechens und Zuckungen zunächst in ein Krankenhaus und anschließend in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) eingeliefert. Dort diagnostizierten Ärzte Hirnblutungen.
Wie die Staatsanwaltschaft Hannover inzwischen bestätigte, entstand der Verdacht einer Misshandlung des Kindes. Gegen den Vater wurden Ermittlungen wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener aufgenommen.
Der Tatverdächtige bestreitet diesen Vorwurf.
Patentante verschickte Schreiben an mehrere Redaktionen
Nach Recherchen von HAZ und BILD verschickte die mutmaßliche Patentante des Kindes bereits drei Tage vor der Tat ein rund 20 Seiten umfassendes Schreiben an mehrere Medienhäuser.
Darin schildert sie ausführlich die Sicht der Familie auf den seit Wochen andauernden Sorgerechtsstreit. Nach Darstellung der Patentante habe die Kopfverletzung des Kindes nicht durch ein Schütteln, sondern durch einen unbeabsichtigten Zusammenstoß zwischen Vater und Kind im Halbschlaf entstehen können.
Diese Darstellung ist bislang nicht unabhängig überprüfbar. Die zuständigen Behörden sowie die Medizinische Hochschule Hannover äußern sich zu Einzelheiten des Verfahrens unter anderem mit Verweis auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte nicht.
Behörden sahen Kindeswohl gefährdet
Nach den Recherchen der HAZ kamen die behandelnden Ärzte zu einer anderen Einschätzung als die Familie. Sie gingen offenbar davon aus, dass das Wohl des Kindes gefährdet sein könnte. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigte Ermittlungen wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung sowie wegen Bedrohung von Klinikpersonal.
Im weiteren Verlauf entzog das Familiengericht den Eltern zunächst das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Später wurde das Kind in Obhut genommen und schließlich in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade untergebracht. Wenige Wochen später durfte die Mutter unter bestimmten Auflagen gemeinsam mit ihrer Tochter dort wohnen.
Zahlreiche juristische Auseinandersetzungen
Nach Darstellung der Patentante setzte sich der Vater gegen die Vorwürfe zur Wehr und stellte seinerseits Strafanzeigen gegen Ärzte sowie Mitarbeitende der Jugendhilfe.

Ob die von ihr erhobenen Vorwürfe berechtigt sind, ist derzeit offen. Die zuständigen Behörden äußern sich hierzu wegen der laufenden Verfahren nicht.
Ermittlungen dauern an
Die Staatsanwaltschaft Hannover geht inzwischen von einem sechsfachen Mord aus und hat Haftbefehl gegen den Tatverdächtigen beantragt beziehungsweise erwirkt. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern an.
Für Garbsen besitzt der Fall besondere Bedeutung, weil drei der getöteten Mitarbeitenden dem Jugendamt der Region Hannover in Garbsen angehörten. Welche Entwicklungen letztlich zu der schrecklichen Tat führten, wird nun Gegenstand der weiteren strafrechtlichen Ermittlungen sein.
GCN/bs










